Und plötzlich war ich wach

“Ich würde so gerne mal nach Asien, nur mit dem Rucksack”, sagte er zu mir und nippte an seinem Espresso. Ich lächelte. “Das klingt doch toll! Mach das doch!”, antwortete ich begeistert. Er sah mich nachdenklich an. “Alleine?”, fragte er skeptisch. “Hm”, erwiderte ich und dachte dabei, dass ich glatt mitfahren würde – nicht unbedingt, weil ich auch schon immer mit dem Rucksack durch Asien reisen wollte, sondern eher aus einem Impuls heraus.

Ich schob diesen Gedanken beiseite, weil er Irrsinn war. Schließlich kannte ich diesen Mann dort vor mir kaum. Ja, er trank jeden Morgen seinen Espresso bei mir an der Theke, doch das taten auch andere.

Trotzdem… Irgendwie ließ mich dieser Gedanke nicht los, gemeinsam mit diesem fremden Mann nach Asien zu reisen. Ich war so angetan von dieser Idee, dass ich sogar meinem Verlobten davon erzählte – vielleicht in der Hoffnung, dass er mir die “Erlaubnis” gab, mitzureisen. Er war nicht begeistert. Er fand es schräg, denn ich hatte nie wirklich von diesem anderen Mann erzählt, eben weil er zu diesem Zeitpunkt nur ein Stammgast im Café war, in dem ich arbeitete.

Dennoch schien es dort irgendeine Verbindung zu geben, doch welche Rolle er tatsächlich mal in meinem Leben spielen sollte, war mir damals noch nicht klar.

Vom Gast zum Freund

Irgendwann, es kann nur ein paar Wochen nach diesem Gespräch gewesen sein, saß er mal wieder bei mir am Thresen. Wir hatten uns inzwischen besser kennengelernt, uns ausgetauscht über dies und das, geplaudert und gelacht.

Er sah mich nachdenklich an und sagte: “Wir sind doch Freunde, oder?” Diese Aussage überraschte mich. Ich war nicht schnell darin, Menschen meine Freunde zu nennen, doch ich antwortete spontan “ja”.

Seit ich vor anderthalb Jahren von Hannover nach Moers gezogen war, hatte ich niemanden in dieser neuen Stadt einen Freund genannt. Ich hatte mich sogar schon damit abgefunden, Einzelgängerin zu sein – auch wenn ich mir so sehr Vertraute, Freunde und eine Familie außerhalb meiner Blutsfamilie wünschte.

Ich hatte nach dieser verhältnismäßig langen Zeit in Moers gar nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch Freundschaften zu schließen, weil mich irgendein verquerer Gedanke in meinem Kopf glauben ließ, alle “Plätze” wären bereits vergeben und ich könne mich mit niemandem, der nicht gerade frisch zugezogen und deswegen auch auf der Suche nach Anschluss war, anfreunden.

Ganz offenbar, und zum Glück, hatte ich mich geirrt.

“Wir sind doch Freunde, oder?”

“Ja…”

Und er vertraute mir an, was ihn gerade beschäftigte. Ich schluckte, war fasziniert von dieser Offenheit und verwundert, dass er es mir anvertraute. Mir.

Dieser Moment veränderte Vieles. Unser Verhältnis wurde tiefer und ich wusste, dass ich endlich einen Freund hier hatte. Ich.

Mit jedem Tag intensivierte sich unsere Freundschaft. Bis etwas in mir plötzlich STOPP rief. Angst brandete in mir auf. Ich stand nur einen Schritt davor, mich dieser Freundschaft völlig hinzugeben – etwas, was ich in meinem Leben nur zwei Mal gemacht hatte. In der Grundschule. Jahrelang gingen wir durch dick und dünn, bis die Freundschaften um meine Volljährigkeit herum jäh zerbrachen.

Es war so schmerzhaft für mich, dass es mich jahrelang leiden ließ und ich mir schwörte, mich nie wieder so tief auf einen Menschen einzulassen.

Bis dieser Mann plötzlich vor mir stand und mich nur durch sein Sein dazu brachte, dieses Versprechen an mich selbst zu überdenken. Denn das hier, das spürte ich deutlich, war besonders, doch es würde enden, wenn ich mich zurückzog, wenn ich mich mal wieder schützte hinter dem Panzer, der schon so lange mein Herz umgab.

Die Entscheidung

Ich musste mich entscheiden.

Es war, als würde ich vor einem Abgrund stehen. Vor mir die unendliche Tiefe, so weit, so schwarz, dass ich den Boden nicht sehen konnte, nicht wusste, was mich erwartete. Hinter mir das vertraute Land, friedlich und ruhig, ohne Aufregung und Schmerz, weil ich immer wusste, was passieren würde.

Ich schwankte. Ich schwankte zwischen der Angst, die mich so gerne dort behalten wollte, wo ich war, und der Neugier, was geschehen würde, wenn ich einfach sprang.

Sicherheit oder Abenteuer?

Gewissheit oder Überraschungen?

Zweifel oder Vertrauen?

Sollte ich tatsächlich das Risiko eingehen, erneut verletzt zu werden? War es das wert? Dieser große Schmerz, den ich so viele Jahre in mir herum trug und der nun endlich völlig von mir abgefallen war, sollte ich ihn herausfordern? Echt?

Oh man…

Ich stand an diesem Abhang und zögerte. Da war dieses leises Flüstern in mir, das neben dem lauten Geschrei meines verletzten und ängstlichen Egos kaum zu vernehmen war.

Dieses Flüstern war voller Stärke, voller Liebe und Vertrauen. Es war so leise und dabei trotzdem so viel mächtiger als das Gebrüll. Es machte mir Mut. Es gab mir ein gutes Gefühl. Und es gab mir zu verstehen, dass es an der Zeit war, neue Wege zu gehen. Ich verstand, dass ich nicht länger in diesem Zustand aus Angst und Selbstschutz leben konnte, sondern der Zeitpunkt gekommen war, mein Herz zu öffnen.

Und das tat ich.

Und alles veränderte sich.

Es war, als wäre ich aus einem Schwarz-Weiß-Film in einen Farbfilm gestolpert. Alles erschien plötzlich viel bunter, alles wirkte abenteuerlicher und so intensiv. Ich fühlte mich geerdet und gleichzeitig so lebendig.

Mir wurde klar, dass ich die letzten 28 Jahre meines Lebens in einem tiefen Schlaf lag. Und nun war ich wach.

Endlich.

Denn alles, was danach passierte, all die Liebe, all die Freude, all die Lebendigkeit und Leidenschaft, die in mein Leben strömte, war mehr als ich mir hätte vorstellen können.

Diese Freundschaft, die uns seit zwei Jahren verbindet, legte den Grundstein für all die Abenteuer, die ich seitdem erlebe. Denn sie veränderte mich. Sie veränderte die Art, wie ich der Welt entgegentrete. Sie öffnete eine Tür, die ich mein ganzes Leben lang verschlossen hielt.

Weil ich Angst hatte, so viel Angst.

Sie befreite mich. Befreite mein Herz. Befreite das Leben in mir.

Weil ich eine Entscheidung traf.

Weil ich auf mein Herz hörte.

Weil ich in den Abgrund sprang und dadurch lernte, zu fliegen.

Endlich.


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