geschichten zum aufwachen

Tausche Sicherheit gegen Lebendigkeit!

“Oh, man!”, schoss es mir durch den Kopf als sich andeutete, was gleich passieren würde. “Nein, nein, nein – nicht jetzt!” Ich wurde nervös, schaute mich um, weil ich mich fragte, wie ich aus dieser Situation herauskommen oder zumindest Zeit schinden könnte. Ich war noch nicht bereit, doch es gab keinen Ausweg. Ich blickte dem Mann vor mir in die Augen, spürte mein Herz panisch pochen. “Was mache ich denn jetzt?”, fragte ich mich still und würde am liebsten die Zeit anhalten. So standen wir uns gegenüber, in der sandigen Mitte des Amphitheaters, und ich hatte keine andere Wahl als zuzulassen, was gleich passieren würde.

Plötzlich griff er in seine rechte Hosentasche, zog ein Kästchen hervor und ging in die Knie. “Willst du mich heiraten?”, fragte er mit zitternder Stimme. Ich starrte ihn noch immer an, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

“Ich weiß nicht…”, antwortete ich zögernd. Ich blickte auf den Ring und schluckte. Verdammt! So lange schon hatte ich vermutet, dass dieser Tag kommen würde, doch bereit war ich trotzdem nicht.

Mir fiel nichts Besseres ein, als ihn einfach zu küssen, um diese unangenehme Situation aufzulösen. Es klappte, doch anstatt den Ring an meinen Finger, steckte er das Kästchen wieder in seine Tasche.

Eine viertel Stunde später saßen wir uns im Restaurant gegenüber. Wir bestellten und ich verschwand zum Händewaschen auf die Toilette. Ich blickte in den Spiegel. “Maike, ey, was ist mit dir? Du hast noch gar nicht geantwortet”, warf mir eine Stimme in meinem Kopf vor. Ich atmete tief ein. “Komm schon! Sag ‘ja’. Ist das nicht die logische Konsequenz nach 10 Jahren Beziehung?”

Die Stimme in meinem Kopf schien recht zu haben. Es lief gut. Wir hatten nie Streit, harmonierten in so vieler Hinsicht, hatten Vieles gemeinsam. Ich mochte seine Familie und er meine. Außerdem schnarchte er nicht – und war damit wohl eine wahre Rarität unter Männern.

Ich trocknete mir die Hände ab und ging zurück an unseren Tisch. “Ich habe noch gar nicht geantwortet”, sagte ich mit entschuldigender Stimme. “Ich sage ‘ja’.”

Er strahlte über beide Ohren.

“Darf ich den Ring nochmal sehen?”, fragte ich und er griff in seine Tasche. Ich öffnete das Kästchen, nahm den Ring in meine Hand, steckte ihn an meinen Ringfinger. Er war kühl – und viel zu groß. Er fühlte sich fremd an. Falsch. Ich legte ihn zurück in die Schachtel, entschuldigte mich mit den Worten, er würde ja nicht passen.

“Er gefällt dir nicht, oder?”, fragt er.

“Naja”, antworte ich. “Ich habe mir immer einen anderen Verlobungsring vorgestellt.”

“Dann tauschen wir ihn um und du suchst dir einen eigenen Ring aus.”

Auch das fühlte sich zwar falsch an, trotzdem stimmte ich zu.

Herz über Verstand

20 Monate später ging ich noch immer mit diesem Mann, meinem Verlobten, gemeinsam durchs Leben. Es lief nach wie vor gut, doch Anstalten, ernsthaft eine Hochzeit zu planen, machte keiner von uns.

Keine Zeit. Keine Eile. Keine Notwendigkeit. Wir schoben viele Gründe vor, um zu erklären, warum wir uns so viel Zeit ließen. Damit erklärten wir die Lage sowohl uns, als auch unseren Familien, die langsam ungeduldig wurden. Die wahren Gründe übersahen wir. Etwa dass wir nicht zusammen lachen konnten, außer vor dem Fernseher. Dass wir uns gegenseitig Energie zogen, anstatt sie uns zu schenken. Dass wir nicht wir selbst sein konnten vor dem anderen. Dass wir keine Gespräche führten, die über den Abwasch oder das Wetter hinausgingen. Dass wir nebeneinander saßen und uns dabei so einsam fühlten, weil uns nichts verband, außer unsere gemeinsame Zeit. Dass einfach alles fehlte, was eine Partnerschaft ausmachen sollte.

Bis plötzlich dieser Tag kam, an dem ich nicht mehr konnte. An dem ich alles in Frage stellte. An dem ich ihn anblickte und sich dieser Anblick so falsch anfühlte wie damals der Ring an meinem Finger.

Plötzlich wurde mir klar, dass ich in all der Zeit einfach nur zu bequem war, um zu gehen. Alles war okay, warum also etwas ändern? Erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich in all der Zeit so viel mehr geopfert hatte als bloß meine Zeit. All mein Potential, all meine Lebendigkeit, all meine Liebe konnte sich in dieser Beziehung in keinster Weise voll entfalten.

Ich wurde gebremst, bremste mich selbst, weil ich nicht auf mein Herz hörte.

Und auf einmal sah ich klar.

Es war, als würde sich ein Schwert in mich bohren. So viele Schmerzen waren da. Ich bekam kaum Luft, fühlte mich verloren in dieser großen Welt, weil plötzlich die Konstante, die mich fast 12 Jahre meines Lebens begleitete, ins Wanken geriet.

Ich fing an, mich an dem festzuklammern, was schon längst verloren war und der Schmerz wurde immer größer. Mein Verstand kämpfte gegen mein Herz, das schon vor langer Zeit eine Entscheidung getroffen hatte, die mein Verstand nicht wahrhaben wollte.

Als der Schmerz mich beinahe zu zermalmen schien, ließ ich los. Ich ließ meinen Verstand los und gab mich ganz meinem Herzen hin. Ich hörte seine zarte Stimme, die mir sanft ins Ohr flüsterte: “Das bist du nicht mehr, Maike.”

Es hatte ja so Recht. Endlich erkannte ich die Wahrheit. Endlich sah ich meinen Weg, der eine Trennung unumgänglich machte. Es war der erste Schritt in mein neues Leben, der erste Schritt in die Freiheit, der erste Schritt hin zu mir selbst.

Mir war klar, dass Einiges anders werden und ich nochmal ganz von vorne anfangen würde. Völlig alleine. Ich musste die Sicherheit, die mich in all den Jahren begleitete, gegen das Ungewisse eintauschen. Meinen vorgezeichneten Weg gegen die Möglichkeit, dass alles passieren kann. Ich musste springen, ohne zu wissen, wo ich am Ende ankommen würde.

Doch ich war bereit, denn ich wusste, dass es fantastisch werden würde.

Ich war fertig mit diesem Leben, das in all der Zeit bloß okay war.

Ich machte mich bereit zum Sprung, der mir so viel mehr schenken sollte. Mehr Gefühl. Mehr Lebendigkeit. Mehr Abenteuer. Mehr Leidenschaft.

Oh ja, ich bekam so viel mehr von all dem. Endlich spürte ich das Leben.

In einem Ausmaß, das ich mir nicht mal hätte vorstellen können…


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