Von der, die loszog, das Leben zu finden

Es war einmal ein junges Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte, als Abenteuer zu bestreiten. Sie träumte von einer Zukunft, die aufregend war und ereignisreich. Seit sie denken konnte, ängstigte sie sich vor Langeweile und Eintönigkeit. Sie liebte Rollenspiele und schrieb Geschichten, die vor Abenteuern nur so trieften.

“Und wenn ich einmal groß bin”, dachte sie sich stets, “werde ich Schaupielerin, damit ich um die ganze Welt reisen und die tollsten Dinge erleben kann.”

Sie wurde älter und die Sehnsucht nach Abenteuern blieb, und auch wenn sie der Gedanke an die Schauspielerei niemals losließ, befasste sie sich doch mit weit bodenständigeren Berufswünschen, die trotzdem nicht weniger aufregend sein sollten. Polizistin. Staatsanwältin. Beamtin beim Bundesnachrichtendienst. Dazwischen ploppten Schnapsideen wie Archäologin oder Diplomatin auf.

Als sie erwachsen war, war sie so weit von den Berufswünschen ihrer Kindheit und Jugend entfernt, wie es nur ging. Sie lebte ein schnödes Erwachsenenleben, ohne Abenteuer, ohne Überraschungen, ohne viel Gefühl.

Und so saß sie dort in diesem Leben, das zwar bequem war, sie aber immer wieder hinterfragen ließ, ob es das tatsächlich gewesen sein sollte. Sie wurde einfach das ungute Gefühl nicht los, das Leben würde geradewegs an ihr vorbeirauschen.

Die Suche nach dem Leben

Also begann die Suche.

Sie sehnte sich nach einer Gemeinschaft und fand sie in einer kleinen Kneipe in New York. Sie lernte fünf nette Menschen kennen, die sie sofort in ihren Kreis aufnahmen. Jeden Abend tranken sie gemeinsam Bier, lachten und feierten ihre Freundschaft.

Sie sehnte sich nach Gefühlen und fand sie auf einer Farm in Australien. Sie schwebte dort auf Wolke 7, doch erstickte manchmal beinahe an den Herausforderungen, die das Leben und die Liebe stellten.

Sie sehnte sich nach Spaß und fand ihn inmitten einer Gruppe von Nerds, die sie mit ihrer ganz eigenen, verschrobenen Art und Weise regelmäßig zum Lachen brachte.

Sie sehnte sich nach Abenteuern und fand sie auf Hawaii. Als Mitglied einer Spezialeinheit kämpfte sie stets erfolgreich gegen das Verbrechen.

Sie sehnte sich nach Leidenschaft und fand sie in einem unbekannten Land namens Westeros, in dem Sex allgegenwärtig war.

Sie fand all das und noch mehr und wurde regelrecht süchtig nach diesem Leben, denn sobald sie eine dieser Welten verließ, tat sich eine Leere in ihr auf, die so unangenehm war, dass sie sie kaum ertragen konnte. Es fehlte einfach etwas.

Und so verschwand sie immer öfter in diesen anderen Welten, um das Loch nicht zu spüren, das sich in ihrem Inneren befand.

Denn trotzdem, vielleicht sogar mehr denn je, hatte sie das Gefühl, das Leben würde geradewegs an ihr vorbeirauschen.

Vielleicht lag es daran, dass es so war, denn all diese Geschichten, all diese Gefühle waren fiktiv. Sie waren nur da, solange sie Mitglied dieser fiktiven Welt war, wenn sie völlig mit ihr verschmolz.

Sobald sie sie verließ, sobald sie wieder in ihr echtes Leben einstieg, verblasste dieses Gefühl der Lebendigkeit sofort.

Sie war nicht unglücklich. Ganz im Gegenteil. Tatsächlich konnte sie sich nicht beschweren und hatte alles, was sie sich wünschen konnte.

Alles, bis auf das Gefühl, am Leben zu sein.

Das Ende der Suche

Es war ein Teufelskreis, aus dem sie nicht auszusteigen vermochte. Der Fernseher wurde zu ihrem Lebensinhalt, zu ihrer Lebensessenz. Hier holte sie sich, zumindest für den Augenblick, die Action, die sie in ihrem echten Leben nicht finden konnte. Sie verbrachte jede Mahlzeit, jeden Abend, ja, jeden freien Moment vor der Flimmerkiste und konnte sich kaum zu anderen Aktivitäten aufraffen.

Bis all das plötzlich aufhörte.

Von einem Tag auf den anderen, rührte sie die Fernbedienung nicht mehr an. Es vergingen zwei Wochen, zwei Monate, ein Jahr, in dem sie noch immer keine Anstalten machte, in eine dieser fiktiven Welten abzutauchen.

Sie wollte einfach nicht aussteigen aus ihrem Leben und dadurch verpassen, wie es sich anfühlte – in jeder Minute, in jedem Augenblick.

Sie wollte nicht verpassen, wie sich die Stille anfühlte, die den Raum und ihren Körper durchströmte, wenn sie die Musik ausschaltete. Sie wollte nicht verpassen, wie der Wind roch und wie sich dieser Geruch mit dem Lauf der Jahreszeiten veränderte. Sie wollte die Emotionen nicht verpassen, die sie mal in luftige Höhen, mal in die tiefsten Tiefen schickte. Sie wollte nicht die Möglichkeiten verpassen, die das Leben ihr ständig so großzügig vor die Füße legte.

Nein, sie wollte einfach leben.

Rausgehen. Erleben. Abenteuer bestehen. Lieben. Lachen. Weinen. Tanzen. Singen. Stolpern. Hadern. Ausprobieren. Einfach machen.

Sie wollte all das bereits als Kind. Sie wünschte es sich so sehr und hatte die Hoffnung bereits aufgegeben, es jemals zu finden.

Denn sie war weder Schauspielerin, noch Polizistin.

Sie war Kellnerin.

Und doch hatte sie nun endlich das Leben, von dem sie immer geträumt hatte. Sie bewältigte Abenteuer, liebte und entdeckte die Leidenschaft in sich. Sie fand enge Vertraute, die sie so tief in ihr Herz einschloss, dass sie sie niemals vergessen würde. Sie lachte so laut, dass ihr Lachen zu ihrem Markenzeichen wurde, das andere bereits aus etlichen Metern Entfernung vernahmen – und sich daran freuten, weil es so ehrlich, so echt und mitreißend war.

Ja, sie war am Leben.

Und es war sogar noch besser, als sie es sich hätte wünschen können.

Das Leben ist in dir – oder nirgends

Nach all den vielen Jahren, nach den Versuchen, sich Lebendigkeit aus dem Fernseher zu ziehen, nach der langen verzweifelten Suche, erkannte sie, dass sie das Leben die ganze Zeit bei sich trug. Es war nicht etwas, was sie im Außen finden konnte.

Sie musste keinen gefährlichen Job ausüben, nicht ständig in neue Rollen schlüpfen oder um die Welt reisen. Alles, was sie tun musste, war in sich hinein zu schauen. Alles, was sie tun musste, war ihr Herz zu öffnen.

Solange nämlich das Herz verschlossen ist, kann nichts auf der Welt dich wirklich berühren. Kein anderer Mensch, kein Erlebnis, keine Begegnung. Nichts davon wird dich lebendig fühlen lassen. Nichts davon wird dich erfüllen.

Und so wirst du ewig suchen nach dem Leben und es doch niemals finden. Du kannst versuchen, dir das Leben zu kaufen. Du kannst auf Safaris fahren und dich damit schmücken. Du kannst dir Dramen erschaffen und fast an ihnen zerbrechen.

Doch all das wird dich nicht lebendig machen.

All das wird dich nicht erfüllen.

Denn das Leben findet im Herzen statt.

Hier beginnt alles.

Immer.


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