Kolumne

Wie viel Macht hat dein Job über dich?

Tag 4. Ich sitze im Zwiebellook unter meiner Bettdecke auf der Couch und trinke Tee. Salbei. Mein Laptop steht auf meinem Schoß, während ich diesen Artikel schreibe.

Ich bin krank.

Erkältet.

Vor vier Tagen bin ich morgens aufgewacht und habe es schon in der ersten Sekunde bereut. Ich hatte überall Schmerzen, meine Nase war zu und ich fragte mich, ob ich es in meinem Zustand überhaupt schaffen würde, ins Bad zu gehen. Ich war völlig K.O.

Irgendwie schaffte ich es dann doch, sogar die Wohnung zu verlassen und mich zum Arzt zu schleppen, der mich viel länger krank schreiben wollte, als ich es für nötig hielt.

Nur zwei Tage wollte ich zu Hause bleiben. Wird schon reichen, dachte ich mir.

Am dritten Tag hatte ich zumindest keine Schmerzen mehr, aber ich war schon aus der Puste, wenn ich nur einen Pulli anzog.

Super!

Dahin war mein Plan, wieder arbeiten zu gehen…

Heute ist also Tag 4 und ich bin noch immer nicht in der Lage, zu arbeiten. Zumindest nicht körperlich. Mein Kopf ist wieder klar genug, dass ich diesen Artikel schreiben, über wichtige Fragen des Lebens und Projekte nachdenken kann.

Mein Körper aber, ist noch immer schlapp und will eigentlich gar nichts anderes als Ruhe.

Und so sitze ich hier und denke darüber nach, wie viel Macht der Job eigentlich wirklich über uns hat.

Bin ich mein Job?

Ich liebe meinen Job. Ich gehe gerne zur Arbeit, freue mich darauf und gehe meistens voller Energie nach Hause. So sollte es sein, denke ich. So war es auch in dem Lokal, in dem ich drei Jahre lang quasi zu Hause war. Ich ging so in diesem Job auf, dass ich nach diesen drei Jahren, als ich dem Laden schließlich den Rücken kehrte, gar nicht wusste, wer ich ohne diesen Job überhaupt war. Ob ich klarkommen würde ohne Arbeit.

Deswegen wollte ich mir eine Auszeit nehmen. Zwei Wochen zumindest, vielleicht auch vier. Nun hörte ich genau zu dem Zeitpunkt auf, als die Corona-Pandemie nach Deutschland gelangte und alles lahm legte.

Drei Monate lang war ich arbeitslos und es war ein Segen, denn ich gewann Abstand von diesem Job, der mir so lange eine Identität gab. Inmitten des Lockdowns, in dem ich nicht die geringste Chance hatte, meinen Job auszuüben, lernte ich eins: Meine Leidenschaft für die Gastronomie war einfach nur das: Eine Leidenschaft. Es war und ist einfach nur ein Teil von mir – so wie zig andere Komponenten meines Lebens.

Als ich dann endlich wieder arbeiten konnte, entschied ich mich bewusst gegen eine erneute Vollzeit-Stelle, um Zeit zu haben, mich so auszuleben, wie ich bin. Ich wollte nicht länger den Job, egal wie sehr ich ihn auch liebte, an die erste Stelle setzen, sondern die Bedürfnisse meiner Seele.

Und damit kommen wir wieder in die Gegenwart. Ich habe mich nie gerne krank gemeldet, bin eher krank arbeiten gegangen, als mich auszukurieren und hatte stets ein schlechtes Gewissen, wenn ich dann doch mal krank zu Hause lag.

Leider weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin.

Natürlich galt mein schlechtes Gewissen meinen Kollegen, die durch mich Mehrarbeit oder Umstände hatten. Doch insgeheim, wenn ich einfach mal ganz ehrlich zu mir war, hatte ich einfach Angst. Angst, schwach zu erscheinen, Angst, einen schlechten Eindruck zu hinterlassen, vielleicht sogar Angst, meinen Job zu verlieren.

Und nun liege ich hier, an Tag 4 meiner Erkältung, und muss milde lächeln. Die Angst, schwach zu wirken, resultierte schließlich nur aus meiner Unfähigkeit, mir Schwäche einzugestehen und mich trotzdem nicht als schwach anzusehen. Die Angst, einen schlechten Eindruck zu hinterlassen, ist nur das Ergebnis verquerer Glaubenssätze, die mich veranlassen, zu glauben, meine Kollegen und Chefs würden erstmal davon ausgehen, ich wäre nicht ehrlich.

Am Ende also war ich viel zu viel im Außen und in den Köpfen meiner Mitmenschen unterwegs, anstatt einfach mal in mich hineinzuspüren. Ich habe mich verurteilt, anstatt mir mit Selbstliebe zu begegnen. Und ich habe den Job und den Gunst meiner Kollegen und Chefs über mein eigenes Wohlbefinden und, noch viel schlimmer, über meine eigene Gesundheit gestellt.

Ist das nicht furchtbar?

Wie viel Macht hat dein Job über dich?

Meine Überlegungen führten mich zu der Frage, wie viel Macht der Job tatsächlich über jeden einzelnen von uns hat. Das fängt bei selbstzerstörerischem Verhalten und Denken im Krankheitsfall an, zieht aber einen noch viel größeren Rattenschwanz nach sich.

Allein die Tatsache, dass sich Milliarden Menschen mit ihrem Job identifizieren, ist schon ein immenses Problem, denn wir können uns nicht mit etwas identifizieren, ohne nicht gleichzeitig Ängste in uns heraufzubeschwören. Je größer die Identifikation, desto größer die Angst davor, diesen Teil von uns zu verlieren.

Und so gehen wir auf Nummer Sicher, verraten unsere Werte, handeln gegen unsere Seele und gegen unsere Natur, damit wir keinesfalls unsere Identität verlieren.

Wir gehen krank zur Arbeit, machen Überstunden, vernachlässigen unser Privatleben.

Das wirklich Schlimme ist, zu denken, wir würden damit gewinnen, während wir uns gleichzeitig immer mehr verlieren, denn alles, was wir aus Angst machen, verrät, wer wir wirklich sind.

Aber unser Ego ist happy mit diesem Arrangement. Unser Ego liebt unseren Job und die Identifikation mit ihm, denn er gibt dem Ego einen Sinn, eine Aufgabe, Anerkennung und Wertschätzung.

Jetzt stell dir doch mal vor, wie es wäre, all das nicht von außen zu bekommen, sondern tief aus deinem Innern. Du brauchst gar keinen Chef, der dir sagt, wie toll du bist, weil du dich selbst feierst. Du brauchst keinen Stapel voller abgearbeiteter Aufgaben, damit du dich wertvoll fühlst, weil du auch ohne Arbeit deinen Wert erkennst.

Stell dir mal vor, wie frei du wärst…

Dein Antrieb wäre nicht länger Angst, sondern Freude.

Kannst du dir vorstellen, was das für dich und all deine Kollegen, inklusive deines Chefs, bedeutet?

Wow!

Wer bist du wirklich?

Ich habe diesen Job gewählt, um meiner Seele Ausdruck zu verleihen. Doch meine Seele will auch schreiben, will genießen, will sich mit Herzensmenschen verbinden und auch einfach mal nichts tun. Meine Seele will leben. Meine Seele will Neues ausprobieren und daran wachsen.

Meine Seele will sich völlig entfalten. Und am Ende bin ich doch auch deswegen hier: Um all die Facetten des Lebens zu leben. Und um ich zu sein.

Oder?

Nun weiß ich, dass viele Menschen leider gar keine Ahnung haben, wer sie jenseits der Arbeit sind. Zu groß ist die Identifikation damit. Ohne Arbeit scheint etwas zu fehlen, ohne Arbeit scheinen sie nicht vollständig zu sein.

Kenne ich. Siehe oben.

Verstehst du jetzt den Irrsinn dahinter? Du willst, dass etwas im Außen deine Löcher stopft (in diesem Fall die Arbeit), anstatt diese Löcher selbst zu stopfen. Niemals aber, niemals, wird das Außen auch nur annähernd deine Leere füllen. Niemals.

Das musst du selbst tun.

Vor allem aber, musst du erkennen, dass du deinen Job als Instrument benutzt, um dich besser zu fühlen. Deswegen hat dein Job Macht über dich. Deswegen verlierst du dich selbst.

Weil du nicht genug bist, obwohl du es bist. Denn es ist alles da, in dir. Es ist alles da. Freude. Liebe. Leben. Es wohnt eine Fülle in dir, von der du jetzt noch nicht ahnen kannst.

Weil du an der falschen Stelle danach suchst.

In deinem Job.

Suche in dir und du wirst fündig.

Es ist alles da.

Versprochen!


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