geschichten zum aufwachen

Gestatten: Maike – Bindungsphobikerin

“Das Gespräch mit dem inneren Kind, zu dem ich dich gleich einladen werde, mag dir etwas verrückt erscheinen, aber vertraue mir bitte, dass diese Übung sehr hilfreich ist. […] Du stellst dir vor, wie alt dein inneres Kind ist. Und nun setzt du das Kind bei dir auf den Schoß oder, wenn dir das zu viel ist, dann setzt oder stellst du es vor dich hin. […] Gleich wirst du mit einer ganz lieben, tröstenden Stimme dem Kind die Sache mit Mama und Papa erklären.”
– Stefanie Stahl, Vom Jein zum Ja!*

Ich runzelte die Stirn. Das Buch war gut bisher, hatte mir in vieler Hinsicht die Augen geöffnet. Ich konnte herausfinden, warum ich mich immer zurückgezogen hatte, wenn ein Mann mir zu nahe kam. Warum ich so vielen Männern das Herz gebrochen hatte, indem ich sie erst angelockt und dann weggestoßen hatte. Ich erkannte, warum ständig irrationale Ängste in innigen Beziehungen auftauchten und einen Schatten darüber warfen.

Durch dieses Wissen war ich der Liebe in mir bereits ein großes Stück näher gekommen.

Beinahe gab ich mich damit zufrieden, weil ich die Übung wirklich albern fand. Ich legte das Buch zur Seite, nur um es gleich darauf wieder in die Hand zu nehmen. Ich dachte nach, dachte an einen wundervollen Abend vor ein paar Tagen mit diesem Mann, den ich so sehr mochte.

Der ganze Abend war großartig und einer der schönsten, den wir bisher hatten. Ich genoss jeden einzelnen Moment. Als ich dann abends in seinen Armen lag und er schon längst schlief, fing mein Gehirn an, zu rattern. Es suchte nach Fehlern, die ich gemacht, nach blöden Dingen, die ich gesagt haben könnte – und wurde fündig. Es waren Kleinigkeiten, doch die reichten aus, um meinen ganzen Körper mit Angst zu füllen.

Und so lag ich da, hörte seinen sanften Atem und mein pochendes Herz. Die Erinnerungen an all die fantastischen Augenblicke dieses Abends wurden schwächer, während meine vermeintlichen Fehler immer mehr Raum einnahmen.

Voller Angst schmiegte ich mich noch ein bisschen mehr an seinen Körper, der sich so nach zu Hause anfühlte. Plötzlich traf mich ein Gedanke wie ein Schlag: “Was ist, wenn das unser allerletzter gemeinsamer Abend ist? Was ist, wenn er morgen früh aufwacht und sich entschließt, mich wegen meiner Fehler nie wieder sehen zu wollen?”

Ich konnte kaum klar denken.

Ich hatte diesen Mann näher an mich heran gelassen als jeden anderen Mann zuvor und nun war ich kurz davor, all das zu verlieren.

Dachte ich.

Denn natürlich war am nächsten Morgen alles gut. Er ahnte nichts von meinen Sorgen, bis ich ihm ein paar Tage später davon erzählte, nachdem ich bei einem Ausflug kaum ein Wort sagte, weil mein Kopf schon wieder voll war mit Zweifeln und absurden Szenarien, die eh nicht eintreten würden. Ein Teil in mir wusste das.

Doch der andere Teil war lauter.

Und jetzt saß ich dort auf der Couch und betrachtete nachdenklich das Buch. Wie lange willst du das noch mitmachen?, fragte ich mich still. Wie oft willst du dich noch selbst zerfleischen für etwas, das nur in deinem Kopf stattfindet?

Zögerlich öffnete ich das Buch wieder und schlug die Übung auf, während meine Gedanken bei diesem großartigen Mann waren. Ich wollte es nicht versauen.

Nicht schon wieder.

Ich wollte weder weglaufen, noch mich aus den falschen Gründen auf diesen Mann einlassen.

Ich wollte einfach mit meinem ganzen Herzen in dieser Sache versinken, ohne mich selbst zu verlieren. Ich wollte die Ängste überwinden, die mich von ihm trennen wollten und gleichzeitig an ihn banden.

Denn nur dann, so wusste ich, wäre all das wahr.

Und so setzte ich mir die kleine Maike auf den Schoß und fing an, mit ihr zu reden. “Ach, kleine Maike”, sagte ich sanft. Und ich erzählte ihr, was für ein wundervolles Mädchen sie war und wie liebenswert. Ich versicherte ihr, dass Mama und Papa sie lieb hätten, egal, was sie sagen oder tun. Ich redete immer weiter und sie sah mich verständnisvoll an. Eine Träne kullerte über meine Wange.

Ich sah sie dort vor mir, die kleine Maike, die so oft so verunsichert war, Angst hatte, Fehler zu machen und nicht genug zu sein. Doch ihre Unsicherheit schwand mit jedem meiner Worte und sie schien aufzublühen. Ihre Augen leuchteten heller und ich hätte sie so gerne in den Arm genommen.

Ich verabschiedete mich von der kleinen Maike und kam zurück ins Jetzt. Da saß ich, auf meiner Couch, und war alleine. Tränen rannen über meine Wangen, denn ich verstand.

Ich verstand, warum ich mich in all den Jahren selbst blockierte. Ich verstand, warum mir diese ganze Beziehung so viel Angst machte. Ich verstand, dass ich mich gerade befreit hatte von sehr viel Ballast, den ich seit meiner Kindheit mit mir rumtrug.

In diesem Moment hatte ich eine weitere Mauer, die mein Herz umgab, eingerissen und ich spürte, wie sich die Liebe in meinem Innern noch mehr ausdehnen konnte.

Dies war ein Neuanfang.

Es war das Ende meiner Existenz als Bindungsphobikerin und der erste Schritt zu einer Verbindung, die tiefer gehen könnte als alles, was ich bisher erlebt hatte.

Weil ich frei war.

Endlich.


Erleuchtung braucht keine Räucherstäbchen,
sondern manchmal einfach nur
das richtige Wort zur richtigen Zeit.

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2 Kommentare

  1. says:

    Danke für diesen sehr persönlichen Einblick. Das ist toll geschrieben.

    1. Vielen lieben Dank, Anke, und herzlich willkommen hier!

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