Kolumne

Auf dich, Papa!

Es ist 4:57. Ich sitze am Küchenfenster, höre Truck Stop, trinke Sekt. Ein schlechter Traum hat mich um halb 4 aus dem Schlaf gerissen. Seitdem bin ich wach. Ich hatte schon meinen ersten Kaffee und nun ist es für mich an der Zeit für einen Sekt. Ich bin mit meinen Gedanken bei meinem Papa. Die Musik, die aus den Kopfhörern tönt, ist die Live-Aufzeichnung eines Konzerts der Hamburger Country Band, auf dem ich mit meinem Papa war. Sieben Jahre ist das nun her. In dieser Zeit ist viel passiert. Ich bin von Hannover nach Moers gezogen, habe mich beruflich komplett verändert und persönlich erst recht.

Ich sitze hier, nippe an meinem Sekt und stoße innerlich auf Papa an.

Ja, Papa, auf dich!

Ich bin dir so dankbar für alles, was du für mich getan hast. Ich weiß, ich habe es dir nie gesagt, doch ich liebe dich. Wir haben uns in den letzten Jahren kaum gesehen, weil ich so viel gearbeitet habe und scheinbar keine Zeit hatte, dich zu besuchen. Du hast mir nie einen Vorwurf gemacht. Deine Freude war immer groß, wenn wir uns doch mal sahen.

Und meine auch.

Vielleicht hättest du mich mal anschreien sollen, mich fragen sollen, ob ich vergessen hätte, wo meine Wurzeln liegen. Doch das ist nicht deine Art. Du hast nie viel mit mir geschimpft, außer wenn ich mir die Haare in deiner Nähe gekämmt habe. Oder Kaugummi gekaut.

Du warst streng, doch immer gerecht. Niemals hast du mich angeschrien, niemals hast du mir das Gefühl gegeben, du würdest mich nicht lieben.

Du warst nie überschwänglich mit deinen Gefühlen und ich habe mir diese Eigenschaft abgeschaut. Ich wollte auch immer so stark sein wie du und Mama und Kathrin eine Stütze sein, keine Last. Und so hielt ich meine Gefühle stets im Zaum und fing dadurch an, sie zu vergessen.

Ich weiß nicht, ob du dir das für mich gewünscht hast, denn inzwischen weiß ich, wie hart es ist, nicht zu fühlen. Ich glaube, auch du weißt das.

Inzwischen aber kann ich fühlen, also mach dir keine Sorgen. Ich lerne noch immer dazu und begegne Gefühlen, die neu für mich sind, weil ich sie so lange in den Tiefen meiner Seele verborgen hielt. Auch für mich. Doch ich habe wundervolle Menschen an meiner Seite, die mich lehren, ich selbst zu sein – mit allem, was dazu gehört.

Papa, ich bin wirklich glücklich. Ich weiß, dass du dir manchmal Gedanken machst, ob es mir gut geht. Das tut es. Es geht mir sehr gut. Ich bin auch nicht einsam, sondern umgeben von Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Ja, ich bin tatsächlich angekommen.

Ich weiß, du und ich, wir sehen uns so selten und das tut mir Leid. Ich möchte dir nicht den Eindruck vermitteln, es wäre mir egal. Vielleicht war es die Euphorie dieses neuen Lebens hier in Moers, die mich veranlasst hat, mich zurückzuziehen. Mich nicht so oft zu melden, wie ich es eigentlich hätte machen sollen. Wie ich rückblickend gerne hätte machen wollen.

Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich kann daraus lernen. Möglich, dass die letzten Jahre notwendig waren, um zu erkennen, wie wichtig du für mich bist. Wie sehr ich dich manchmal vermisse.

Ach, Papa, wir hatten immer eine gute Zeit, wenn wir zusammen waren. Du hast mich von klein auf so Vieles gelehrt. Während andere Kinder mit Barbies und Polly Pocket gespielt haben, war ich mit dir wandern. Wir waren Pilze sammeln und Schlitten fahren. Du hast mir beigebracht, wie ich mit unterschiedlichsten lebensbedrohlichen Situationen umgehe. Zum Beispiel wenn mich ein Krokodil verfolgt. Oder ein Wildschwein. Was ich mache, wenn auf mich geschossen wird. Oder wenn ich mit dem Auto in einen Fluss fahre.

Ob all das pädagogisch wertvoll ist? Vermutlich nicht. Aber es hat mich vorbereitet. Auf das Leben. Auf das echte Leben. Ich habe keine Angst, weil du mir schon früh klargemacht hast, dass das Leben nunmal Gefahren birgt.

Und du hast mir beigebracht, meinen eigenen Weg zu gehen. Dir war es stets wichtig, keine Kopie aus mir zu machen. Du wolltest, dass ich ich bin, anstatt andere nachzuahmen. Dass ich nicht so viel darüber nachdenke, was die Leute über mich denken. Dass es mein Leben ist und keiner sich einzumischen hat. Und du hast immer darauf vertraut, dass ich meinen Weg gehe.

Und das tue ich. Ich bin ich. Es hat lange gedauert, bis ich wirklich leben konnte, wer ich bin und auch wenn einige Menschen nun denken, ich hätte nicht mehr alle Latten am Zaun, komme ich doch im Großen und Ganzen gut an. Nicht, weil ich bin, wie alle anderen, sondern weil ich ich bin.

Ich weiß, dass du in den letzten Jahren nicht so sehr Anteil an meinem Leben nehmen konntest, doch du sollst wissen, dass ich dich trotzdem immer bei mir getragen habe.

Ich habe dich nie vergessen und werde es auch nie.

Denn du bist mein Papa und ich liebe dich!

Schon immer und für ewig.

Danke für alles.

Auf dich, Papa!


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